Ein kleiner Exkurs durch Europa
In Frankreich ist Weihnachten das wichtigste Familienfest im Jahr. Am Heiligen Abend trifft man sich zu einem guten und reichlichen Essen. Man ist so fröhlich und ausgelassen, dass von einer stillen Nacht überhaupt keine Rede sein kann. Während die Familien die Mitternachtsmesse besuchen, legt Pére Noël heimlich für die Kinder die Geschenke unter den Weihnachtsbaum, die sie aber erst am Weihnachtsmorgen auspacken dürfen. Die Erwachsenen bekommen ihre Geschenke gar erst zu Silvester. Gefeiert wird im Norden Frankreichs unter dem Weihnachtsbaum, während in Südfrankreich Krippen mit Tonfiguren in volkstümlichen Trachten des 19. Jahrhunderts die Wohnungen schmücken.
In Tschechien dauert die Weihnachtszeit vom 6. Dezember bis zum Dreikönigstag. Bereits am 5. Dezember erscheint der Nikolaus mit dem kleinen Tschert, dem Teufel, der den unartigen Kindern höllische Angst bereiten soll. Die Kinder schreiben Wunschzettel an den Weihnachtsmann, ein Tannenbaum wird geschmückt. Am Weihnachtsabend gibt es ein feierliches Essen mit Fischsuppe und gebratenem Karpfen, von dem man sich eine Schuppe als Glücksbringer in die Geldbörse steckt. Die Geschenke bringt der Weihnachtsmann nach dem Essen. Und dann geht man zur Mitternachtsmesse. In Böhmen werden zu Weihnachten Hirtenspiele zelebriert.
Feliz Navidad wünscht man sich zu Weihnachten in Spanien. Zu den Weihnachtstagen versammeln sich die Familien in ihren Heimatorten.
Den 24. Dezember verbringt man bei einem großen Familienessen. Um Mitternacht geht man zur Messe in die Kirche. Dort sind – wie auch in den Haushalten – prächtige Krippen aufgebaut, ein Weihnachtsbaum ist in Spanien nicht üblich. Wichtiger als der Heilige Abend ist der Dreikönigstag. Da ziehen die Heiligen Drei Könige mit ihrem Gefolge auf richtigen Kamelen unter dem Jubel der Leute in die Ortschaften ein und bringen den Kindern die Geschenke, vorausgesetzt, diese haben ihre Schuhe auf die Balkone gestellt und Heu für die Kamele dazu gelegt.
Das finnische Weihnachtsfest hat sich aus einem alten Herbst- und Erntedankfest entwickelt. Davon zeugt heute noch der beliebte Strohschmuck „Himeli“, eine große Strohunruhe, die in der Weihnachtsstube von der Decke herabhängt. Typisch finnisch ist die gemeinsame Weihnachtssauna vor dem Heiligen Abend. Der finnische Weihnachtsmann, der einem Kobold ähnlich sieht, wohnt weit oben in Lappland und kommt mit seinem Rentierschlitten, die Familien zu beschenken.
In Italien wird die Geburt Christi am Dreikönigstag gefeiert. Die Weihnachtszeit beginnt acht Tage vor dem 25. Dezember und endet mit dem Dreikönigsfest. 24 Stunden vor Heilig Abend wird streng gefastet. Abends gehen die Familien zur Messe. Danach gibt es ein Festessen, das aus 10 Gängen besteht. Aus der „Urne des Schicksals“, einer Art häuslicher Lotterie, werden kleine Geschenke gezogen. Weihnachtsbäume gibt es in Italien kaum, dafür aber die Presepio, die Weihnachtskrippe mit dem Jesuskind, das liebevoll Bambinello genannt wird. An dieses richten die Kinder ihre Wunschzettel. Gebracht werden die Geschenke am 6. Januar von der Dreikönigshexe Befana. Sie kommt durch den Schornstein und ist deshalb ganz voll Ruß. Den guten Kindern bringt sie die gewünschten Geschenke, den bösen tut sie Kohlen oder Asche in die bereitgestellten Schuhe.
In England gehen die Kinder den ganzen Dezember hindurch von Tür zu Tür, singen ihre Christmas Carols und wünschen den Leuten Glück. Dafür werden sie mit Geschenken belohnt. Der Heilige Abend ist eine lustige Familienfeier mit Girlanden, bunten Bändern und Papierschlangen. Mistelzweige hängen über der Tür als Symbole der Liebe und des Friedens. Unter ihnen darf geküsst werden. Ein sorgfältig ausgewählter Holzklotz aus einem Weißdornstamm wird ins Haus geholt und im Kamin angezündet. Er brennt die ganzen Feiertage über. Am Weihnachtsabend hängen die Kinder ihre Strümpfe in den Kamin oder an den Bettpfosten. In der Nacht kommt dann Santa Claus durch den Kamin gerutscht, um die Strümpfe mit Süßigkeiten zu füllen und Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen. Die Geschenke dürfen erst am Weihnachtsmorgen ausgepackt werden, wenn die Kerzen am Baum angezündet sind.
Auch in Ungarn ist Weihnachten ein Familienfest. Öffentliche Plätze sind mit Weihnachtsbäumen geschmückt. In den Kirchen stehen die großen Krippen, kleinere Exemplare gibt es auch in den Haushalten. Der Tannenbaum zu Hause ist ein Muss. Er wird, so sagt man den Kindern, von den Engeln gebracht, geschmückt mit Engelshaar und eingewickelten Bonbons, dem sogenannten „Salonzucker“. Am 24. Dezember abends werden die Lichter am Baum angezündet. Es werden Lieder gesungen und die von den Erwachsenen heimlich unter den Tannenbaum gelegten Geschenke ausgepackt. Der Weihnachtsmann ist auch mit von der Partie. Ganz gleich, von welchem Wert die Geschenke sind, sie müssen eine Überraschung sein.
Weihnachten feiert man in Schweden im Kreis der Familie. In allen Häusern steht der aus Stroh geflochtene Julbock, der Glück bringen soll. Die Fenster sind mit Sternen geschmückt, die die Kinder gebastelt haben. Am Weihnachtsabend gibt es ein einfaches Essen mit Stockfisch und süßem Reisbrei. Der Weihnachtsmann mit den Geschenken kommt durch die Luft geritten. Es wird gesungen und um den Weihnachtsbaum herumgetanzt. Das große Weihnachtsessen folgt tags darauf mit einem gewaltigen Buffet.
Ina Meyer
ist Dramaturgin und Puppenspielerin