Wenn von Armut oder gar von Kinderarmut gesprochen wird, so stellen wir uns diese vor allem in den Ländern der Dritten Welt vor, aber gewiss nicht in der Bundesrepublik, zumal Deutschland immer noch zu den wohlhabendsten Ländern der Welt gehört. Tatsache jedoch ist, dass immer mehr Kinder und Jugendliche hierzulande in materieller Not aufwachsen. Laut dem „Kinderreport 2007“ habe sich die Kinderarmut seit der Einführung von Hartz IV im Jahr 2005 verdoppelt. Demnach leben derzeit 2,5 Mio. Kinder in Armut. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht des Landes Sachsen-Anhalt schätzt, dass mittlerweile ein Drittel der unter 15-Jährigen hierzulande von Armut betroffen ist.
Tatsache ist auch, dass Kinder immer häufiger arm sind als Erwachsene! Trotz sinkender Geburtenrate ist die Kinderarmut im vergangenen Jahrzehnt deutlich schneller gestiegen als die Armutsrate im Schnitt der Bevölkerung. „Man spricht von einer ‚Infantilisierung von Armut‘“, so der Sozialforscher Prof. Dr. Christoph Butterwegge. Sprich: Armut hat ein Kindergesicht. Besonders beklemmend dabei ist, dass Kinder und Jugendliche sich ihrer Lage sehr wohl bewusst sind. Eine Studie des Kinderhilfswerkes World Vision aus dem Jahr 2008 zeigt, dass schon Kinder im Alter von acht bis elf Jahren aus sozial schwachen Haushalten sich auch für ihr gesamtes folgendes Leben als benachteiligt einschätzen. Hat ein Kind erst einmal schlechte Startchancen, so prägen diese alle Lebensbereiche und „wirken wie ein Teufelskreis. Wie ein ,roter Faden‘ zieht sich eine Stigmatisierung und Benachteiligung dieser Kinder durch das ganze Leben hindurch,“ so die Einschätzung der World Vision Studie.
Kinderarmut hat im Laufe der Zeit ihr Gesicht verändert. Von extremem Hunger, Obdachlosigkeit oder Verelendung kann heute gewiss nicht mehr die Rede sein. Diese als absolut bezeichnete Armut hat die moderne Gesellschaft weitestgehend überwunden, da unsere sozialen Sicherungssysteme eine lebensnotwendige Grundversorgung gewährleisten. Heute wird im Allgemeinen von einer relativen (Einkommens-) Armut von Kindern gesprochen. Die Armutsgrenze definiert sich dabei anhand des Verhältnisses des individuellen Einkommens zu einem ermittelten Durchschnittseinkommen (Medianeinkommen). Demnach wachsen Kinder in relativer Armut auf, wenn sie in Haushalten leben, die mit weniger als 60 Prozent des Medians auskommen müssen. Auf Sachsen-Anhalt bezogen heißt dies, dass Personen als armutsgefährdet eingestuft werden, wenn sie über weniger als 744 Euro verfügen. Hierzulande sind davon besonders Kinder von Alleinerziehenden betroffen.
Ein anderer Ansatz bezeichnet diejenigen als arm, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Laut dem 2. Armuts- und Reichtumsbericht des Landes Sachsen-Anhalt lebt jedes dritte Kind in einer so genannten Bedarfsgemeinschaft und damit in strenger Armut. Als Folge des finanziellen Mangels bedeutet Kinderarmut in erster Linie „den Ausschluss aus vielen sozialen und kulturellen Lebenszusammenhängen junger Menschen“, was „damit auch die Chancengleichheit in der Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigt“, so Prof. Dr. Christoph Butterwegge. Am deutlichsten schlägt sich dies im Bildungsverlauf und in der Schulkarriere eines Kindes nieder. Studien zeigen, dass sozial benachteiligte Kinder seltener höhere Schulen besuchen. Lernen 18 Prozent der Kinder aus der so genannten Oberschicht an einem Gymnasium, so ist dies in der so genannten Unterschicht nur 1 Prozent. Die World Vision Studie stellt heraus, dass sich der Effekt der Herkunftsschicht noch deutlicher zeigt, wenn Kinder nach dem von ihnen gewünschten Schulabschluss gefragt werden. Nur 20 Prozent der Kinder aus der Unterschicht streben nach einem Abitur als Abschluss, dagegen sind es 81 Prozent der sozial besser gestellten Kinder. Ein Ergebnis mit fatalen Folgen! Bildung und Ausbildung spielen eine wesentliche Rolle bei der Armutsvermeidung. Je höher der Bildungsabschluss, umso niedriger die Armutsgefährdungsquote und umgekehrt. Unser Schulsystem schafft es jedoch nicht, für eine Chancengleichheit zu sorgen und die soziale Herkunft weitestgehend auszublenden. Im Gegenteil: der soziale Status wird vererbt und damit auch die Kinderarmut!
Die Schichtabhängigkeit zeigt sich auch im Freizeitverhalten eines Kindes. Nur 47 Prozent der Kinder aus den unteren Schichten gehen einer Freizeitbeschäftigung nach. Es sind aber die Kinder aus der Oberschicht, „die auch in den Sportvereinen, denen eigentlich eine wichtige soziale Integrationsfunktion zugeschrieben wird, dominieren“, so der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann. Sozial benachteiligte Kinder hingegen bleiben immer häufiger in isolierten Wohnvierteln unter sich.
Die Folgen der Kinderarmut lassen sich inzwischen auch am gesundheitlichen Zustand eines Kindes erkennen. So häufen sich die Fälle von Übergewicht und psychischen und emotionalen Problemen. Der Zahn- und Impfstatus ist deutlich schlechter als bei ihren Altersgenossen aus anderen sozialen Schichten. Arme Kinder sind laut Studien oft in ihrer körperlichen Entwicklung zurückgeblieben und ernähren sich ungesünder. „Kinder
aus Familien, die arm sind, fallen uns als erstes an ihrer Brottasche auf.“, so der Kommentar einer Erzieherin. Ganz zu schweigen von den Kindern, die sich gar keine Mahlzeit in Kita oder Schule leisten können. Die Zahl der Essengeldschuldner ist dramatisch gestiegen. Die Fakten und Zahlen dieser Studien machen mehr als deutlich, dass dringend Handlungsbedarf besteht. Für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft muss es grundsätzlich von Interesse sein, der Kinderarmut entgegen zu treten, zumal sich die Folgen in allen Bereichen der Gesellschaft langfristig bemerkbar machen werden. Gemeint ist etwa der heute schon so laut beklagte Fachkräftemangel. Andere Wissenschaftler weisen darauf hin, dass Armut unter Kindern und Jugendlichen zu erhöhter Kriminalität, Gewalt und Aggression führen kann und damit langfristig Kosten für Drogen- und Gewaltbekämpfung nach sich ziehen können. Wie kann der Kinderarmut begegnet werden? Eine wesentliche Ursache für Armut und damit auch für Kinderarmut ist in der derzeitigen Arbeitsmarktpolitik festzumachen. Trotz Vollzeitbeschäftigung können immer mehr Menschen ihren Lebensunterhalt ohne staatliche Unterstützung nicht mehr bestreiten. Die Frage nach einem existenzsichernden Mindestlohn muss hier neu gestellt werden. Andere Ansätze beziehen sich auf eine materielle Existenzsicherung von Kindern in Form einer Kindergrundsicherung. Grundbedürfnisse wie eine ausreichende Ernährung oder die Möglichkeit an schulischen oder außerschulischen Veranstaltungen teilzunehmen, dürfen nicht vom Einkommen der Eltern abhängig gemacht werden. Andere Forderungen beziehen sich auf eine Ganztagsbetreuung für alle Kinder unabhängig vom Erwerbsstatus der Eltern. Die Handlungsspielräume in der Kommune, im Land und im Bund sind verschieden. Aber sie bestehen und sie müssen dringend genutzt werden! Hierzu wird die Fraktion DIE LINKE im Landtag von Sachsen – Anhalt am 27. September 2008 mit ExpertInnen und PolitikerInnen (Prof. Dr. Butterwegge, Gerda Holz, Heidi Knake-Werner, Andreas Henke, Uwe Sandvoss) auf der Fachtagung „Allen Kindern eine Zukunft geben – Strategien gegen Kinderarmut“ diskutieren und Lösungsansätze suchen. Alle Interessierten sind hierzu herzlich eingeladen!
Eva von Angern
ist kinder-, jugend- und familienpolitische Sprecherin der
Fraktion DIE LINKE im Landtag von Sachsen-Anhalt.
FACHTAGUNG
Allen Kindern eine Zukunft geben – Strategien gegen Kinderarmut
am 27. September 2008 im Landtag von Sachsen-Anhalt